Die unterschätzten Gründer-Gene der Handwerker

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Auch Handwerker bauen Startups auf. Neun Gründer präsentierten ihre Konzepte auf einer Veranstaltung der Handwerkskammer München. Ihr Auftritt zeigt: Im Vergleich mit digitalen Startups bringen sie interessante Stärken mit.

 

Eine Bierflasche, die sich in ein Glas verwandelt? Auf der Bühne hält ein junger Mann eine Flasche in die Höhe und verspricht, sie gleich in ein Bierglas zu verwandeln. An der Flasche fällt nur ein großer Plastiksockel auf.

Meine Nachbarn schauen skeptisch.

Zuerst dreht er die Flasche um, nun sitzt der Plastiksockel oben. Den schraubt er gelassen ab und steckt ihn unten als Fuß an die Flasche. Fertig ist das Weißbierglas. Und oben sitzt eine perfekte Schaumkrone.

 

 

Die wundersame Krone erklärt der Mann auf der Bühne gleich mit: „Wenn ich die Flasche drehe, gelangt die Hefe, die auf dem Flaschenboden liegt, nach oben. Vor dort sinkt sie wieder ab und trifft auf dem Weg nach unten auf die perlende Kohlensäure. So bildet sich die Schaumkrone.“

Spontaner Applaus im Saal.

Der junge Gründer auf der Bühne heißt Dominique Felsch. Gemeinsam mit einem Freund hat er die Flasche bis zur Serienreife entwickelt und so die weltweit erste Verpackung geschaffen, die Trinkglas und Flasche zugleich ist. Dazu haben die beiden ehemaligen Studenten der TU München das Startup Vendl gegründet.

Vendl war auf der Veranstaltung „Startup trifft Handwerk“ eingeladen, das die Handwerkskammer München im Juli 2017 durchgeführt hat. Diese Reihe hat die Handwerkskammer gemeinsam mit Munich Startup initiiert, dem offiziellen Startup-Portal für München.

 

Handwerkliches Geschick vereint mit digitaler Intelligenz

Zahlreiche Startups stellen sich an diesem Abend vor. In fünf Minuten erläutern sie ihr Projekt und das Geschäftsmodell dahinter. Und mit jedem Auftritt wird klarer, dass Handwerker einige Stärken mitbringen, die für Gründungen fundamental sind.

Und zwar Stärken, die digitalen Startups fehlen.

Weil das viele überraschen wird, haben wir ein fiktives Match über vier Runden inszeniert. Dabei vergleichen wir die Fähigkeiten von zwei Handwerker-Startups und einer Metzgerei mit denen ihrer digitalen Kollegen.

Gewinner ist, wer in den vier Bereichen Problemorientierung, Prototypen-Bau und Kundennähe sowie Marketing mehr Stärken vorweist.

Los gehts, Anpfiff.

 

1. Runde: Wer kennt die Probleme seiner Kunden besser?

Simon Schlögl ist Dachdecker aus München. Ihm war aufgefallen, dass auf Baustellen viel mehr Müll entsteht als noch vor einigen Jahren und er ist der Ursache nachgegangen: „Bauteile werden immer individueller“, erläutert Schlögl auf der Bühne.

 

Daher hat er die Plattform Materialrest24.de entwickelt, auf der Handwerker übrig gebliebene Bauteile an andere Handwerker verkaufen können. Auf der Bühne präsentiert Schlögl einen professionellen Shop, der auf einem Produktkatalog aufbaut und sauber in Rubriken unterteilt ist. Kurz und knapp erklärt die Site, wie der Handel funktioniert.

„Unser Shop macht totes Kapital mit Beschreibung, Fotos und Preis sichtbar“, erläutert Schlögl, der das Startup gemeinsam mit seinem Bruder Bastian, einem Betriebswirt, gegründet hat.

Die Gründer von Materialrest24: Simon und Sebastian Schlögl.

Die Story verdeutlicht eine typische Stärke der Handwerker. Sie sind täglich unterwegs und bekommen Probleme hautnah mit. Ihre Gründungskonzepte zielen daher meist darauf, ein konkretes Problem zu lösen.

Digitale Startups hingegen verfolgen immer wieder einen brillanten neuen Ansatz und müssen erst verifizieren, ob das wirklich ein Problem von Kunden löst. Und stellen manchmal fest, dass ihre Idee nicht so ankommt wie erwartet. Dann wandelt das Startup sein Konzept ab und versucht es erneut.

Den Handwerks-Startups bleibt das erspart, sie kennen das zu lösende Problem von Anfang an. Damit geht dieser Punkt an sie.

(Fahren Sie mit Ihrer Maus über die Grafik, um den aktuellen Spielstand zu sehen.)

 

2. Runde: Wer baut die besseren Prototypen?

Auch Peter Hornung, Schreiner und Architekt, hatte ein konkretes Problem vor der Nase. Er leitete 20 Jahre eine kleine Möbelbaufirma mitsamt Planungsbüro mitten in München. „Täglich standen wir für kleine Reparaturen im Stau, haben oft Strafzettel kassiert und konnten nichts dafür in Rechnung stellen“, erzählt Hornung auf der Bühne.

So kommt 2012 die Idee auf, einen Fahrradanhänger zu bauen. Sofort baut er einen Prototyp, den er ausgiebig bei der täglichen Arbeit in seiner Werkstatt testet. „Innerhalb von einem Jahr entstanden fünf Prototypen-Serien“, berichtet Hornung.

 

Nach zwei Jahren, 2014, schließt er seine Möbelwerkstadt und fokussiert sich auf sein Startup hinterher.com, das urbane Transportprobleme ökologisch lösen will.

Peter Hornung, Gründer von hinterher.com.

Er investiert insgesamt 200.000 Euro aus eigenen Mitteln in sein neues Unternehmen. Das zahlt sich aus: „Wir haben bereits Erfolg, gelten in der Fahrradbranche als Marktführer“, freut sich Hornung und ergänzt: „Aber ohne Erfahrung als Handwerker und Architekt wäre das nicht möglich gewesen.“

Wie bei Hornung sind individuelle Lösungen das Kerngeschäft von Handwerksbetrieben. Hat ein Handwerker eine Idee, kann er rasch einen Prototyp konstruieren.

Digitale Startups hingegen bringen hier selten spezifische Kenntnisse mit. Benötigen sie ein physisches Modell, müssen sie den Bau erst erlernen – oder ein Modell anfertigen lassen.

Hier könnte sogar ein Geschäftsfeld für Handwerker liegen: sich auf den Bau von Prototypen zu spezialisieren.

Somit geht dieser Punkt an das Handwerk.

 

 

3. Runde: Wer ist näher am Kunden dran?

Alle Startups müssen verifizieren, ob ihr angedachtes Produkt ein Problem wirklich nachhaltig löst. Daher befragen sie schon früh potentielle Kunden, ob die Lösung ankommt. Doch diese Tester müssen sie erst finden. Und ist ein Prototyp gebaut, sind weitere Tests notwendig, für die man abermals Nutzer finden muss, die bereit sind, ihre Zeit zu investieren.

Für Handwerksbetriebe ist das ein leichtes Spiel, sie haben ihre Kunden täglich vor der Nase. Sowohl Simon Schlögel als auch Peter Hornung konnten ihre Kunden zu ihrer Produktidee befragen und deren Vorschläge schnell umsetzen.

Damit geht auch dieser Punkt an die Handwerker.

Aktueller Spielstand in der Grafik:

 

4. Runde: Wer beherrscht das digitale Marketing besser?

Endlich ein Steilpass für digitale Startups. Sie verstehen besser, wie digitales Marketing funktioniert, und finden immer wieder einen Zugang zur digitalen Bühne. Zudem pflegen viele Startups gute Beziehungen zu webaffinen Werbern, zu Designern und Textern, denn auch die Werbewirtschaft ist mittlerweile stark digital getrieben.

Für Handwerk-Startups ist es vergleichsweise schwierig, ihre Idee groß herauszubringen. Sie haben wenig Affinität zu den neuen digitalen und sozialen Medien. Das ist eine echte Hürde.

Aber auch hier gibt es Auswege. Metzgermeister Steffen Schütze aus Freising stellt seine Kampagne auf Facebook vor, in der er nach Lehrlingen gesucht hat:

 

Vor ein paar Jahren hatte seine Facebook-Site noch 600 Likes, „was für einen Metzger schon gut war“, so Schütze. Heute sind es 3700 — siehe den Facebook-Auftritt.

So gut die Kampagne auch lief: Digitale Startups sind einfach näher dran am digitalen Marketing. Daher geht der Punkt in der letzten Runde an sie.

 

Und der Gewinner ist …

Finales Ergebnis in der Grafik:

Natürlich sind die Kategorien frei gewählt. Es gibt viele weitere Faktoren, die für Startups eine große Rolle spielen. Beispielsweise sind digitale Geschäftsmodelle generell leichter skalierbar — ein Vorteil für die digitalen Gründungen.

Aber auch hier können Startups aus dem Handwerk intelligent agieren: Die Flasche von Vendl beispielsweise ist aus leichtem Kunststoff mit einer bruchsicheren Nanoglasschicht und mit allen gängigen Abfüllanlagen kompatibel. Somit lässt sie sich einfach in den Kreislauf von der Abfüllung bis zum Recycling integrieren. Da wurde Skalierbarkeit schon im Produkt mitgedacht.

Ebenso ist die Modularität der Fahrrad-Anhänger eine Art von Skalierbarkeit. Und ein weiterer Beweis für die vielfältigen Gründer-Gene der Handwerker.

 

3 Kommentare zu Die unterschätzten Gründer-Gene der Handwerker

  1. Lieber Michael,

    musste den Beitrag einfach gleich lesen. Sehr interessantes Thema, exzellent (kreativ) umgesetzt. Ein intelligenter Genuss.

    Mit kollegialer Hochachtung
    Rainer

  2. Ich denke Sie fassen in dem Artikel viele valide Punkte zusammen, warum Handwerker sich allgemein gut fürs Gründen eignen. Besonders der Punkt mit der Nähe zum Kunden spricht dafür, finde ich. Ich werde diesen Artikel mal an meinen Cousin weiterleiten, denn der überlegt sich gerade eine Spenglerei zu eröffnen.

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