Diese App erkennt hungernde Kinder: Warum die Welthungerhilfe neue Geschäftsmodelle voranbringen will

In 8 Minuten gelesen *

© Welthungerhilfe

Die Welthungerhilfe entwickelt eine App, die unterernährte Kinder über einen 3D-Scan identifizieren kann. Die Idee entstand in einem Innovationswettbewerb. Mit der App will die Organisation Millionen von Kindern helfen. Vorausgesetzt, sie schafft es, neue Geschäftsmodelle dafür zu etablieren.

 

Digitalisierung verändert Wirtschaft, Gesellschaft – und die Entwicklungszusammenarbeit. „In der Privatwirtschaft ist Innovation ein erfolgreiches Konzept. Dort besetzt man sie als strategisches Management-Tool und überlässt Innovationen nicht dem Zufall“, erklärt Jochen Moninger. „Davon können auch wir von der Welthungerhilfe lernen.“

Moninger hat Erfahrung mit dem Einsatz innovativer Methoden. Er leitet die Stabsstelle „Innovation“ der Welthungerhilfe, die im Januar 2016 ihre Arbeit aufnahm. Sein Team soll nachhaltige Lösungen und neue Geschäftsmodelle entwickeln, um im Kampf gegen Hunger effizienter agieren zu können. „Das ist notwendig, denn unsere Herausforderung ist enorm”, berichtet der Geograph. „Momentan leiden 821 Millionen Menschen an Hunger – und jeden Tag sterben 8.200 Kinder unter fünf Jahren an den Folgen von Unterernährung.“

Die UN hat daher eine Agenda ausgerufen: Bis 2030 soll eine Welt ohne Hunger erreicht werden. Moninger weiß: Um dieses Ziel zu verwirklichen, muss die Welthungerhilfe ihre Bemühungen verstärken.

Jochen Moninger, Leiter der Innovations-Stelle, vor dem Kindergarten des Dorfes Sawadi. Hier arbeiten Experten der Welthungerhilfe gemeinsam mit ausgebildeten Einwohnern daran, den Ernährungsstatus der Kinder zu erfassen. 
© PagesMedia/Mayank Sharma

 

Innovation im Dienste der Hungerbekämpfung

„Wir wollen neue Geschäftsmodelle entwickeln, indem wir zum Beispiel Lösungen skalieren, die sich bereits in einer Region bewährt haben“, erläutert Moninger das grundlegende Vorgehen. „Zudem prüfen wir, wie weit uns digitale Technologien unterstützen.“

Ein Ansatz für effiziente Hilfe besteht darin, Kinder unter fünf Jahren richtig zu identifizieren, die unter einer Mangelernährung leiden. Also unter einer einseitigen Ernährung, bei der ein Mangel an bestimmten lebenswichtigen Stoffen besteht. Es ist wichtig, in dieser Phase zu helfen, denn die körperliche Entwicklung entscheidet auch darüber, wie gut sich die Kinder später konzentrieren und lernen können. „Studien zeigen: Schafft man es in den ersten fünf Jahren, hat das Kind einen besseren Lebensweg vor sich und viel bessere Erwerbsmöglichkeiten“, erzählt Moninger.

In Sawadi sind 40 Prozent der Kinder von Mangel- oder Unterernährung betroffen. Mit bloßem Auge ist das jedoch nicht zu erkennen. Apathie oder Kleinwüchsigkeit sind lediglich Indizien, aber noch keine handfesten Messgrößen. © Microsoft/David Schaub

Daher hat die Organisation im Juli 2017 einen Innovationspreis ausgerufen. Der beste Ansatz sollte mit 30.000 Euro honoriert werden. „Mehr als 300 Vorschläge sind eingegangen“, erinnert sich Moninger. „Wir haben die 20 interessantesten zu einer Challenge nach Indien eingeladen.“

 

Design Thinking im indischen Camp

So trafen sich Fachleute verschiedenster Richtungen im Oktober 2017 für sechs Tage in der indischen Hauptstadt Delhi. Mit im Camp waren IT-Freaks, aber auch eine Ernährungswissenschaftlerin, die seit Jahren im Feld mit Kindern arbeitet und bei Flüchtlingsdramen unterwegs ist.

Die interdisziplinären Teams arbeiteten nach dem Design-Thinking-Konzept. Zu Beginn steht eine intensive Auseinandersetzung mit der Zielgruppe und deren Problemen. Dann, so die Experten, komme eine Lösung von selbst. „Daher hatte sich eine dieser Gruppe gefragt: OK, die Leute sollen sich besser ernähren. Aber wer soll sich denn besser nähern? Wer ist das überhaupt?“, berichtet Moninger.

In den meisten Gebieten, in denen die Welthungerhilfe arbeitet, haben etwa 40 Prozent der Menschen ein Problem mit ihrer Ernährung. „Aber wer das genau ist, ist nicht einfach zu erkennen“, schildert Moninger die Ausgangslage. „Gut oder schlecht ernährt, ist richtig schwer auseinanderzuhalten.“

Daher nahm die Gruppe den Blickwinkel einer Mutter in einem indischen Slum an, die fünf oder sechs Kinder hat. Und wie sie es schafft, ihre Kindern richtig zu ernähren.

 

Nicht einmal Mütter erkennen Mangelernährung

Das Team erfuhr, dass auch die Mütter nicht immer wissen, welche ihrer Kinder Hilfe brauchen. „Die Ernährungswirtschafterin berichtete, dass sie mit teuren Waagen arbeiten, die geeicht sein müssen, und mit Maßbändern die Oberarmweiten der Kinder messen“, beschreibt Moninger das Vorgehen. „Das kriegen nur Krankenschwestern oder Ernährungswissenschaftler hin. Und selbst die machen Fehler im Bereich von etwa zwei Zentimetern, was bei einem Kleinkind durchaus relevant ist.“

Das manuelle Messen ist ungenau und die Waagen sind technisch anfällig. Das führt zu hohen Fehlerquoten, bis zu 50 Prozent der Daten sind wertlos. Zudem kann es zwei Jahre dauern, bis die Daten aus den indischen Dörfern die Hilfsorganisationen erreichen. © PagesMedia/Mayank Sharma

Die Helfer tragen die Werte in Auswirkungstabellen ein und sind die Größen nicht vernünftig, zeigt die Einordnungsspirale ein falsches Ergebnis an. Und dann wird eine falsche Handlung vollzogen. „Das heißt: In der Hungerbekämpfung schöpfen wir unsere Möglichkeiten nicht richtig aus“, macht sich Moninger bewusst. „Wir schaffen es nicht, das Targeting ausreichend auf die Menschen zu konzentrieren, die tatsächlich zu den 821 Millionen zählen.“

 

Schritt 1: Wir müssen Daten vor Ort bekommen

Anhand des Design-Thinking-Prozesses erkannte das Team, wie oft man scheitert, die richtigen Kinder zu identifizieren. Geschweige denn, die richtige Lösung zu finden. Das bedeutete: Erst muss das Problem „Identifizierung“ gelöst werden, dann folgt das Problem „Hilfeleistung“.

In dieser Situation stand plötzlich eine Idee im Raum: Man könnte die Kinder mit einem Smartphone fotografieren und mit dem eingebauten Infrarot-Sensor scannen. „Aus einem Foto und einem Raster von Infrarot-Punkten lassen sich 3D-Modelle der Kinder erstellen“, erläutert Markus Matiaschek, der die Software-Entwicklung bei der Welthungerhilfe unterstützt hat. „Dann müsste man testen, ob sich aus solchen 3D-Scans eine verlässliche Diagnose ableiten lässt.“ So war die Idee des „Child Growth Monitor“ geboren. Und das Team gewann den Innovationspreis.

Der Child Growth Monitor nutzt die in vielen Smartphones verbaute Infrarot-Mobilkamera, um 3D-Scans aufzunehmen.
© Joachim Schwarz

Die Siegprämie von 30.000 Euro wollte das Team nutzen, um einen Prototyp zu bauen. Zudem trieb es weitere 60.000 Euro von der Deutschen Telekom auf. „Damit konnten wir ein sogenanntes minimal funktionsfähiges Produkt (MVP) bauen“, erzählt Matiaschek. „Das Frontend ist stabil und nimmt Daten auf.“

Seit Januar 2018 ist dieser Prototyp in Indien in der Pilotphase. Zwölf Teams sind mit Endgeräten ausgestattet und trainiert, Daten im Feld aufzunehmen. Zugleich messen und wiegen sie die Kinder wie bisher und übertragen alle Daten in eine Cloud.

 

Mangelernährung mit Deep-Learning identifizieren

Im nächsten Schritt wollen Ernährungswissenschaftler und IT-Spezialisten herausfinden, ob sich mit solchen 3D-Scans Mangelernährung wirklich verlässlich diagnostizieren lässt. Sie suchen nach Beziehungen zwischen dem 3D-Scan der Kinder, ihrer Entwicklung und ihrem Zielgewicht. Dazu werten sie die Daten mit Deep-Learning-Algorithmen aus und speisen sie wieder in die App ein. So lernt die Anwendung weiter.

Einige hunderttausend 3D-Scans sind voraussichtlich notwendig, um den Algorithmus zu trainieren. „Dafür müssen wir weiter Gelder akquirieren“, sagt Moninger. „Wir sind bei einigen Start-up-Ausschreibungen in der letzten Runde. Ich hoffe, nochmals eine Förderung von 100, 150 Tausend Euro zu bekommen.“ Bis 2021 soll die App einsatzbereit sein.

Diese Animation auf Github zeigt, wie sich das 3D-Modell während des Scans aufbaut. © Joachim Schwarz

 

Neue Geschäftsmodelle für langfristige Hilfe

„Aber die App allein bringt das Ganze nicht weiter“, erläutert Moninger. „Wollen wir bis 2030 eine relevante Anzahl an Kindern scannen, müssen wir anderen Organisationen einen Zugang zur App ermöglichen. Unser Ziel ist, das Verfahren zu einem Industriestandard zu entwickeln und als Social Business aufzubauen.“

Social Business bedeutet in diesem Fall: ein Team zu finanzieren, das den Monitor bis 2030 betreibt und ab 2021 jedes Jahr drei Millionen Kinder scannt. Solch ein Vorhaben erfordert neue Geschäftsmodelle mit neuen Monetarisierungs-Strategien. „Das kann auf Spenden basieren, etwa fünf Cent für einmal Einscannen. Oder bezahlte Tätigkeiten enthalten, zum Beispiel ein Ernährungs-Assessment für UNICEF“, kalkuliert Moninger. „Möglich wäre auch ein Pay-per-Use-Konzept mit Partnern aus der Privatwirtschaft.“

Die Smartphone-App im Einsatz: Die Infrarotsensoren erfassen in 3D-Aufnahmen Tausende Datenpunkte des Kindes in unterschiedlichen Körperpositionen. © PagesMedia/Mayank Sharma

Prüfstand bei Boston Consulting Group Digital Ventures

Doch wie realistisch ist dieses Konzept? Innovationsexperten der Boston Consulting Group Digital Ventures haben sich sechs Wochen lang mit dem Vorhaben auseinandergesetzt. Sie haben mehr als 35 Experten aus Hilfsorganisationen sowie Spezialisten für KI und 3D-Hardware befragt. Zudem ist ein Team von BCG neun Tage lang für ethnografische Forschung durch mehrere indischen Städte gereist, um sich ein Bild vor Ort zu machen.

Die Innovations-Experten von BCG haben bestätigt: Die Messung der Kinder ist ein entscheidendes Glied in der Hilfskette. Der Child Growth Monitor ist also ein richtiger Ansatz. Aber die technischen Herausforderungen sind hoch. Die Experten empfehlen in einer Roadmap, den Monitor in vier Schritten bis Ende 2020 voranzubringen. Diese Entwicklung würde rund 4,2 Millionen Euro kosten und für den Betrieb ab 2021 kalkulieren sie mit 2,3 Millionen Euro Kosten pro Jahr.

 

Bruttosozialprodukt um 100 Milliarden Euro steigern

Auf der anderen Seite sei das Potential der Entwicklung enorm. BCG hat dazu ein Szenario errechnet: Werden 24 Millionen Kinder mit dem Monitor vermessen, kann man 10 Millionen Kindern gezielt helfen und ein besseres Leben ermöglichen. Zudem lässt sich das Leben von 80.000 Kindern retten. Beides zusammen würde das indische Bruttosozialprodukt um 100 Milliarden Euro erhöhen.

Die Daten aus dem Scan werden in eine Cloud übertragen und stehen dort weltweit zur Verfügung. Dieses Verfahren ermöglicht es, den Verlauf bei einzelnen Kinder individuell zu beobachten.
© PagesMedia/Mayank Sharma

So kommen die Experten der Boston Consulting Group zu dem Schluss: „Die Welthungerhilfe steht an einer Kreuzung: Da sind große Herausforderungen, gleichzeitig ist das Potenzial enorm.“

Diese Untersuchung von BCG und die ersten Ergebnisse aus dem Prototyp haben Moninger in seiner Vision bestätigt. Ziel ist, den Child Growth Monitor bis 2021 als weltweit anerkannte Lösung im humanitären Markt zu etablieren. Trotz aller Hürden ist er zuversichtlich: „Ich glaube an den Child Growth Monitor. Dass wir damit Millionen von hungernden Kindern identifizieren und es schaffen, sie entsprechend zu versorgen. Und wir kommen nur dahin, wenn wir das mit Innovation probieren, mit neuen Ansätzen.“

 

Ihre Hilfe für Innovationen, die Menschen helfen

Mit einer Spende helfen Sie dort, wo die Not am größten ist. Zudem ebnen Sie den Weg für weitere innovative Vorhaben, wenn der Child Growth Monitor erfolgreich umgesetzt wird. Die Welthungerhilfe hat alle relevante Daten zum Child Growth Monitor hier auf Github veröffentlicht.

Welthungerhilfe: IBAN DE15370501980000001115;

Stichwort: Child Growth Monitor

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